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Symptome, Ursachen, Diagnostik und Therapieoptionen

Symptome, Ursachen, Diagnostik und Therapieoptionen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit AD(H)S

Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit und ohne Hyperaktivität (AD(H)S) betrifft, je nach Quelle, 5% - 12% der Weltbevölkerung (3-8 % der Kinder und Jugendlichen bis 18 Jahre sowie 3-4 % der Erwachsenen und kommt in allen Kulturkreisen, auf jedem Begabungsniveau und in jeder sozialen Schicht vor.
 
AD(H)S, besonders mit Hyperaktivität, wird bei Jungen deutlich häufiger diagnostiziert als bei Mädchen. Das bedeutet nicht, dass Mädchen weniger oft betroffen sind, sondern nur, dass sie häufig nicht erkannt werden, oder wesentlich später, oder erst, wenn zusätzliche Symptome / Erkrankungen aufgetreten sind.

In unterschiedlicher Ausprägung finden sich aber bei allen Betroffenen in allen Altersstufen folgende Kernsymptome:

 

Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörung

  • d. h. Konzentration und Motivation sowie Ausdauer gelingen nur bei subjektiv Interessantem, sie lassen sich ablenken, träumen sich weg, können sich nicht organisieren, ...

Impulsivität  

  • Betroffene reden oder handeln oft vor dem Denken, können sich nicht abbrem- sen und schlecht abwarten, ...

Hyperaktivität 

  • motorische Unruhe wie zappeln, mit den Füßen wippen, nicht sitzen bleiben können, Geräusche machen, kritzeln u.v.m.; bei Erwachsenen oft nur noch in Form von Nesteln oder einer schwer zu ertragenen inneren Unruhe, einem inneren Getriebensein vorhanden (besonders bei langem Sitzen oder Lange- weile, wie im Flugzeug, im Kino, in Meetings …).

Was sich bisher weder in den Diagnosekriterien widerspiegelte noch in der Behandlung wirklich Beachtung fand, ist die immense emotionale Labilität, die starken Stimmungsschwankungen - z. T. aus dem Nichts heraus, ohne erkennbaren Anlass für Außenstehende - welche die Betroffenen in der Regel ein Leben lang und im Verlauf immer ausgeprägter begleiten und belasten.

Mittlerweile geht man davon aus, dass genau diese hohe Emotionalität das Hauptproblem bei AD(H)S darstellt - besonders auch im Erwachsenenalter. Denn viele der auch relativ gut kompensierten Betroffenen kommen im Verlauf des Lebens durch die emotionalen Schwierigkeiten an ihre Grenzen - und zwar in allen Lebensbereichen (Beruf, Partnerschaft, Familie, sozia- les Umfeld).

 

An der Hyperaktivität, die für viele leider immer noch das Hauptmerkmal bei AD(H)S darstellt, wird kein Betroffener langfristig scheitern. Zumal sich dieses Symptom im Laufe des Lebens in der Regel deutlich abschwächt bzw. dann später anders darstellt (innere Getriebenheit, Nesteln, immer auf dem Sprung sein ... etc.).

 

Laut den geltenden Kriterien zur Diagnostik, die nur die Defizite beschreiben, sollen sich die typischen Störungen in o. g. Bereichen bereits vor dem Alter von 6 Jahren (ICD 10 und DSM IV) bzw. 12 Jahren (nach den neuen Richtlinien - DSM V) zeigen. 

Aber es gibt durchaus auch eine Reihe von nicht typischen Verläufen. Besonders bei Mädchen, vor allem bei denen vom „Träumerchentyp“, oder bei hoch- begabten Kindern und häufig auch in sehr gut strukturierter Erziehungsumgebung.

 

Diese Betroffenen gelten eher als 'überangepasst', sehr ruhig oder sehr strebsam, überkorrekt oder sehr 'durchsetzungsfähig'. Oder sie sind eben nur irgendwie etwas anders als andere. Sie haben im Laufe ihres Lebens Kompensationsmechanismen entwickelt und 'funktionieren' irgendwie in unserer Gesellschaft und fallen daher häufig erst deutlich später auf.
 

Doch auch bei ihnen können irgendwann die Kompensationsmechanismen versagen, sei es bei Frauen wenn auf einmal Kinder da sind (oft ebenfalls von AD(H)S betroffen), oder wenn berufliche oder sonstige, z. B. auch private Situationen, sich ändern. Oder sei es, dass der Partner ebenfalls ein AD(H)Sler ist. Aus Erfahrung wissen wir, dass sich "gleich und gleich" auch bei AD(H)S gerne zueinander gesellt.

 

In einer sauber durchgeführten Diagnostik, die sich nicht nur an Fragebögen orientiert, sondern eine ausführliche Eigen-, Fremd-, Sozial- und erweiterte Familienanamnese sowie die Abklärung von Differen- tialdiagnosen mit einbezieht, sollten auch die Be- troffenen 'gefunden' werden, die nicht sofort auffallen. Das sind in der Regel diejeinigen, bei denen die Co-Morbiditäten (zusätzliche Erkrankungen wie Depres- sion, Angst-, Zwangs-, Ess-Störungen, Suchterkran- kungen ...) hervorstechen und das AD(H)S nicht gleich sichtbar wird.

Häufig erweisen sich diese Co-Morbiditäten als schwer behandelbar bzw. therapieresistent, solange die Grunderkrankung nicht erkannt und ebenfalls behan- delt wird.

Ebenso sollten 'vermeintliche' AD(H)Sler erkannt werden.

 

Im Praxisalltag sollten wir uns als behandelnde KollegenInnen immer wieder darüber klar werden, dass wir Menschen und Familien mit in der Regel schwerwiegenden Problemen behandeln - und keine Diagnosen (nach ICD oder DSM), die sich im schlimmsten Fall nur auf Screeningbögen stützen.  

 

Diese Menschen haben ein Recht darauf, entsprechend ihren Beschwerden ärztliche und therapeutische Hilfe zu erhalten - auch wenn die Diagnostik nicht immer sofort zu einem eindeutigen Ergebnis kommt.

 

Häufig ergeben sich im Verlauf immer neue Puzzleteile, die nicht unbedingt in den ersten Gesprächen erfragbar sind - denn AD(H)Sler können sich oft an ihre Schulzeit und Kinder- oder Jugendzeit nur noch wenig erinnern, wenn nicht gravierende Ereignisse vorkamen. Und nicht immer ist eine Fremdanamnese möglich. Auch diesen Betroffenen sollte selbstverständlich eine Behandlung offenstehen, auch wenn nicht alles zu 100% eruierbar ist.

 

Tragen wir somit der Komplexität des AD(H)S Rechnung, dann darf Zeit in der notwendigen umfassenden Diagnostik und späteren langfristigen Behandlung nicht der limitierende Faktor sein - das jedoch ist ein großes Problem im Gesetzlichen Krankenversicherungs-System.